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Work and Travel mit Behinderung: Erfahrungsbericht einer Studentin

Work and Travel mit Behinderung: Erfahrungsbericht einer Studentin

Mein Name ist Heike, ich bin 25 Jahre alt, und ich möchte euch gerne von meinen Work-and-Travel-Erfahrungen im Ausland berichten. Während meines Studiums blieb die Zeit in den Semesterferien häufig nur mäßig sinnvoll genutzt. Während Freunde und Kommilitonen ein Auslandspraktikum machten oder in den Urlaub flogen, hatte ich kein Geld und ging wenn überhaupt fleißig zur Krankengymnastik. Kurz zu meiner Person: ich habe einen angeborenen Gehfehler und benötige für sehr weite Strecken einen Rollstuhl oder E-Rolli. Das ist zwar ein Grund, aber kein Hindernis. Kurzer Hand beschloss, dass ich mit meiner Behinderung nicht auf meinen persönliche Auslandserfahrung verzichten muss – ein Work and Travel in Neuseeland sollte es werden. Doch das will gut geplant sein!

Die Planung

Zunächst musste ich mir Gedanken darüber machen wie lange und wo ich überhaupt im Ausland meinen Aufenthalt machen möchte. In der Regel kann man bis zu einem Jahr in einem anderen Land bleiben. Zwar gibt es für unterschiedliche Work-and-Travel-Reisen zahlreiche Agenturen und Vermittlungen, über die man den Auslandsaufenthalt machen kann, der finanzielle Aspekt spielt allerdings auch noch eine Rolle. Da ich mir extra noch ein Urlaubssemester genommen hatte und mich in der Länge meines Reisezeitraums nicht einschränken wollte, wollte ich kein unnötiges Geld für eine teure Agentur ausgeben. Sicherlich, die Vorteile bei der Wahl einer Agentur wären gewesen, dass ich mich um nichts hätte kümmern müssen, was natürlich für mich in meiner Bewegungseinschränkung viel einfacher gewesen wäre. Aber mit ein bisschen Vorabrecherche im Internet habe ich trotzdem ein paar Jobs gefunden, die ich auch mit meiner Behinderung gut machen konnte.

Voraussetzungen

Visum

Um überhaupt ins Land einreisen zu können, musste ich mich rechtzeitig um ein gültiges Visum kümmern. Mit meinen damals 24 Jahren passte ich genau in die Altersgruppe des Working Holiday Visums. Das wird von der neuseeländischen Regierung nämlich nur bis zum Höchstalter von 30 Jahren ausgestellt. Außerdem erforderlich waren der Nachweis der deutschen Staatsangehörigkeit bei deutschem Wohnsitz, ein gültiger Reisepass und gute Englischkenntnisse. Um nochmal auf den Kostenpunkt zurückzukommen: um in das Land einreisen zu können, benötigt man, für etwaige Notfälle, Rücklagen von bis zu 4.200 neuseeländischen Dollar. Die Beschaffung des Visums geht allerdings leicht von Hand – kein Warten bei Botschaften oder Konsulaten. Man kann es ganz einfach auf der Immigration New Zealand Website beantragen. Für die erstmalige Ausstellung des Visums sind 120 Dollar fällig geworden. Den selben Preis zahlt man übrigens auch, wenn man nochmal um drei Monate verlängert.

Krankenversicherung

Für eine so lange Reise ins Ausland reichte leider keine normale Urlaubskrankenversicherung, da ich ja quasi in der Zeit in Neuseeland und nicht in Deutschland lebte. Ich habe mich erstmal bei meiner Versicherung erkundigt, habe dann aber letztendlich bei DAAD Gruppenversicherung gleich eine Auslandskrankenversicherung mitgebucht. Klar, dass die bei mir als gehbeinderter Person deutlich teurer ausfiel als bei anderen. Grundsätzlich gilt aber für jeden, der ins Ausland reist: medizinische Kosten müssen erst einmal vorgestreckt werden. Da das schnell ziemlich teuer werden kann, ist die Sache mit den 4.200 Notfalldollar gar nicht so unklug. Im Übrigen würde ich jedem empfehlen vor solch einer großen Reise einen Gesundheitscheckup zu machen und Impfungen auffrischen zu lassen.

Erfahrungen im Land

Ein Auenland zwischen Bergen und Meer, ein wenig jobben und viel Party feiern. So hatte ich mir Frodos Reich vorgestellt. Und wirklich, es war letztendlich wundervoll. Aber so einfach wie ich mir das zunächst vorgestellt hatte, war es auch nicht immer, zumal das Geld auch mal knapp wurde. Als Working Traveller mit E-Rolli im Gepäck, ist es natürlich kaum möglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, die behindertengerecht sind. Von meiner körperlichen Verfassung hätte ich es ohnehin nicht geschafft den Rolli und mein Gepäck zwölf Monate durch die Gegend zu tragen. Ich entschloss mich also ein Auto zu kaufen. Das war einerseits wesentlich billiger, als die teuren und selten fahrenden Busse zu nehmen und andererseits war ich dann nicht an feste Routen gebunden. Bei meiner Ankunft habe ich den Rolli zunächst am Flughafen aufbewahren lassen und mich sogleich auf die Suche gemacht. Leider musste ich schnell die Erfahrung machen, dass viele Unterkünfte im Gegensatz zu anderen Gebäuden nicht barrierefrei waren. Wie andere Backpacker in sogenannten dorms wohnen, mit all meinen Sachen und dem Rolli, das kam nicht in Frage. Auch was die Jobsuche anging, entpuppte sich der Beginn meines Aufenthaltes zunächst als Abenteuer. Leider hatte ich nicht bedacht, dass ich nicht die einzige Work and Travel Touristin sein könnte und bin am ersten Tag relativ lange auf der Suche nach einem Hostel gewesen. Da ich leider wegen meiner Behinderung viel schneller erschöpft bin als andere, war der Start erst einmal recht mühselig. Bis ich eine Unterkunft gefunden hatte, die im Erdgeschoss lag und barrierefrei zugänglich war, verging eine gefühlte Ewigkeit.

Am nächsten Tag war das aber schon wieder vergessen und ich erkundete die Stadt. Drei Tage später saß ich sogar schon im Auto, auf dem Weg nach Mount Manganui. Hier hatte ich mir über das Internet meinen ersten Job ergattert: Rezeptionistin in einem kleinen Hotel. Da der Chef dann auch gleich in den Urlaub verschwand, wurde ich ganz schön ins kalte Wasser geworfen. Von dieser überraschenden Feuertaufe habe ich allerdings nur profitiert. Ich habe durch Erfahrungen wie diese im Laufe meiner Reise viel über mich selbst gelernt und Minderwertigkeitskomplexe und Hemmungen, die ich stets wegen meiner Behinderung hatte, abbauen können. All die Menschen und Jobs, die ich im Laufe der Reise kennengelernt habe, haben mein Selbstbewusstsein gestärkt. Natürlich konnte ich nicht kellnern, klettern oder einen sportlichen Job machen. Und auch wenn es nicht immer auf Anhieb klappte mit einer Anstellung, wenn ich eine hatte, war sie meistens auch behindertengerecht. Ob Schafe scheren auf der Farm, Rezeptionistin oder Büroaushilfe, alles hat auf seine Art und Weise Spaß gemacht.

Vor- und Nachteile

Für meinen Begriff überwiegen die Vorteile des Work and Travel. Neben der Erweiterung meiner Sprachkenntnisse und meiner Lebenserfahrung konnte ich vor allem in die, bis dato unbekannte, Arbeitswelt hineinschnuppern. Ich habe gelernt noch viel selbstständiger mit meiner Behinderung umzugehen und mich auch von Rückschlägen nicht abschrecken zu lassen. Was die Informationen vor Abreise angeht, ist man ohne eine Agentur erstmal einem ziemlichen Tohuwabohu ausgesetzt. Neben der Organisation ist das Suchen nach einem geeigneten Job wohl am aufwendigsten für mich gewesen. Im Gegensatz zu vielen anderen Backpackern konnte ich ja nicht alles ausüben und musste immer schauen, dass ich auch mal sitzen konnte.

Abschließend kann ich aber dennoch voller Stolz sagen: Ich würde es jederzeit wieder machen.

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